Beinahe alle Gesichter aller Menschen auf der Erde erkennen…

Das umstrittene US-Startup Clearview AI wirbt bei Kunden mit dem umfangreichen Ausbau seiner Datenbank zur Gesichtserkennung. In einer Präsentation für Investoren kündigte das Unternehmen an, innerhalb eines Jahres 100 Milliarden Fotos in seiner Datenbank speichern und damit sicherstellen zu können, „dass fast jeder auf der Welt identifiziert werden kann“, berichtet die Washington Post am 16.02.2022. Damit müssten nur durchschnittlich 14 Fotos von jedem der sieben Milliarden Menschen gespeichert werden.

Was bedeutet das?

Automatische Gesichtserkennung ist eine Form der biometrischen Überwachung. Biometrische Überwachungssysteme nutzen zur Identifikation sensible biometrische Daten, die beidem jedem Menschen einzigartig sind – Fingerabdrücke, Augenfarbe, die Stimme oder eben das Gesicht. Man kann z.B.  Überwachungskameras im öffentlichen Raum mit der Gesichtserkennungs-Datenbank verknüpfen. So wird es möglich, die Bilder in Echtzeit oder nachträglich auszuwerten und abgebildete Gesichter darauf zu analysieren und zu identifizieren. Das ist Massenüberwachung.

Die meisten Algorithmen identifizieren Weisse zuverlässiger als Schwarze. Macht die Gesichtserkennung in der Polizeiarbeit Fehler, werden unter Umständen unschuldige Personen festgehalten oder bestraft. Trifft dies mehr Schwarze als Weisse, verschlimmert die Technik bestehende Diskriminierungen. Unabhängige Forschungsarbeiten belegen zudem, dass Algorithmen die Ethnie anhand des Gesichts teilweise schon jetzt besser erkennen können als die Menschen selber. Auch das vertieft diskriminierende Tendenzen, denn wer die entnischen oder schlimmer noch rassischen Unterscheide als Mensch nicht erkennt, hat wahrscheinlich mehr Empathie, ist toleranter, unterscheidet Menschen einfach nicht. Und das ist genau das Subjektive, was uns aus machte.

Das anonyme Internet könnte es in Zukunft nicht mehr geben, wenn man die Gesichtserkennungs-Software mit Namen und Anschrift matcht. Selbst facebook hat schon drei Jahre nach der Wieder-Einführung in Europa die automatische Gesichtserkennung weltweit weitgehend im Jahre 2021 eingestellt. Aber nicht aus Datenschutgründen: Nur ein Drittel der Facebook-Mitglieder hat die Funktion genutzt. Vielleicht ein Zeichen, dass bei aller Preisgabe von Daten in sozialen Netzwerken 2/3 eine unsichtbare Grenze überschritten sahen?

Auch das Pilotprojket des Innenministeriums am Berliner Bahnhof Südkreuz ist gestoppt worden, der Erfolg war doch nicht so, wie gewünscht. Aber im Jahre 2021 startete dort erneut ein dreijährige Projekt namens „Sicherheitsbahnhof“. Diesmal geht es um Verhaltensscanner. Mit Hilfe von Analysesoftware sollen Gefahrensituationen frühzeitig automatisiert erkannt werden, etwa wenn Gedränge entsteht, zu viele Personen auf einem Gleis sind oder Menschen Bereiche betreten, die sie freihalten sollen. Ich persönlich weiß nicht, was schlimmer ist: Gesichtserkennung oder Verhaltensscanner?

Stephanie Iraschko-Luscher

24.02.2022

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